Zahn der Zeit

Wie man eine alte Möbeloberfläche richtig beurteilt

Eine alte Möbeloberfläche kann stumpf, fleckig, klebrig oder beinahe schwarz erscheinen – und dennoch weitgehend erhalten sein. Was auf den ersten Blick wie ein zerstörter Lack wirkt, ist häufig eine Mischung aus Staub, Hautfett, Rauchablagerungen, alten Pflegemitteln und mehreren Generationen Möbelwachs. Darunter kann sich eine historische Politur befinden, die nicht erneuert, sondern lediglich freigelegt und stabilisiert werden muss.

Gerade darin liegt die Schwierigkeit: Bevor gereinigt wird, muss geklärt werden, welche Schicht eigentlich entfernt werden soll und welche unbedingt erhalten bleiben muss. Die Oberfläche ist nicht bloß eine austauschbare Schutzschicht. Sie enthält Informationen über Herstellung, Nutzung, Alterung und frühere Reparaturen eines Möbels. Das Deutsche Historische Museum beschreibt die Oberfläche deshalb sinngemäß als eine Art schützende Haut, in der sich die individuelle Ästhetik des Gegenstandes ausprägt.

Das Ziel einer behutsamen Restaurierung lautet daher nicht
Wie bekomme ich das Möbel wieder gleichmäßig glänzend?
Sondern:
Was ist noch vorhanden, was gehört zur Geschichte des Möbels – und welcher Eingriff ist tatsächlich notwendig?

Die Oberfläche besteht selten aus nur einer Schicht

Bei einem alten Möbel liegt meist keine einfache Abfolge von „Holz und Lack“ vor. Häufig findet man mehrere Schichten übereinander:

  • das Holz oder Furnier
  • Beize oder andere Farbmittel
  • Porenfüller und Grundierungen
  • einen ursprünglichen Überzug
  • spätere Reparatur- oder Auffrischungsschichten
  • Möbelwachs und Pflegemittel
  • schließlich Staub, Fett und sonstige Ablagerungen

Diese Schichten können sich optisch so eng miteinander verbinden, dass eine Beurteilung mit bloßem Auge schwierig wird. Ein dunkelbrauner Belag kann alter Schmutz sein, ein eingefärbtes Wachs, ein gealterter Harzüberzug oder eine bewusst aufgebrachte historische Tönung. Häufig ist es eine Mischung aus mehreren dieser Bestandteile.

Auch die Annahme, ein Möbel des 19. Jahrhunderts müsse zwangsläufig mit Schellack behandelt worden sein, ist zu einfach. Untersuchungen des Canadian Conservation Institute an kanadischen Möbeln des 19. Jahrhunderts zeigten, dass trocknende Öl-Harz-Lacke deutlich häufiger vorkamen als lange angenommen. Schellack wurde bei mehreren untersuchten Objekten nur als spätere obere Schicht gefunden. Die Ergebnisse lassen sich nicht unmittelbar auf jedes europäische Möbel übertragen; sie zeigen jedoch, wie unsicher eine Bestimmung allein anhand von Alter, Stil und Glanzgrad ist.

Ein alter, glänzender Überzug ist nicht automatisch Schellack. Und eine Schellackschicht ist nicht automatisch die ursprüngliche Oberfläche.

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Patina ist nicht dasselbe wie Schmutz

Der Begriff Patina wird häufig für alles verwendet, was ein altes Möbel dunkel, ungleichmäßig oder gebraucht aussehen lässt. Für eine sinnvolle Beurteilung muss genauer unterschieden werden.

Zur Patina können gehören:

  • eine natürliche Veränderung der Holzfarbe,
  • die Vergilbung oder Dunkelung eines Überzuges,
  • feine Alterungsrisse,
  • polierte Griffstellen,
  • abgeriebene Kanten,
  • Druckstellen und Nutzungsspuren,
  • ältere, handwerklich nachvollziehbare Reparaturen.

Schmutz und störende Fremdschichten sind dagegen beispielsweise:

  • lose Staubablagerungen,
  • fettige Griffspuren,
  • klebrige Pflegemittelreste,
  • dicke Wachsschichten,
  • Nikotin- und Rußablagerungen,
  • verschüttete Flüssigkeiten,
  • Silikonpolituren und moderne Sprays.

Die Grenze ist nicht immer eindeutig. Der National Park Service weist ausdrücklich darauf hin, dass selbst angesammeltes Wachs, Finish und Schmutz in bestimmten Fällen Teil des historisch gewachsenen Erscheinungsbildes sein können. Abnutzungs- und Verschmutzungsmuster können Hinweise auf die frühere Verwendung eines Möbels liefern. Eine vollständige Reinigung kann daher nicht nur Schmutz, sondern auch historische Information entfernen.

Eine konservierende Reinigung soll nicht jede Farbabweichung beseitigen. Sie soll die Oberfläche wieder lesbar machen, ohne ihre Geschichte zu glätten.

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Ausgangszustand dokumentieren
Fehler im Furnier

Vor der Reinigung: das Möbel dokumentieren

Bevor ein Tuch oder Lösemittel die Oberfläche berührt, sollte der vorhandene Zustand festgehalten werden. Sinnvoll sind:

  • Gesamtaufnahmen von allen Seiten,
  • Detailaufnahmen der Oberflächen,
  • Fotos bei seitlich einfallendem Streiflicht,
  • Aufnahmen von Beschlägen, Kanten und geschützten Bereichen,
  • Markierungen auffälliger Schäden,
  • kurze Notizen zu Glanz, Haptik, Farbe und Geruch.

Besonders wichtig sind geschützte Stellen: unter Beschlägen, innerhalb eines Schranks, an der Rückseite einer Tür oder unter einer ausziehbaren Platte. Dort können frühere Farbtöne und Oberflächen besser erhalten sein. Solche Bereiche sind jedoch nicht automatisch ideale Teststellen. Eine Innenseite kann anders behandelt worden sein als die Schauseite.

Dokumentiert werden sollte auch, welche Materialien und Methoden später verwendet wurden. Restauratorische Dokumentation umfasst grundsätzlich sowohl den Zustand vor der Behandlung als auch die ausgeführten Maßnahmen und deren Ergebnisse.

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Zuerst die Stabilität prüfen

Eine Reinigung ist nur dann vertretbar, wenn die vorhandene Oberfläche ausreichend stabil ist. Vor allem folgende Warnzeichen sind ernst zu nehmen:

Aufstehende oder abblätternde Schollen
Der Überzug hat die Haftung zum Untergrund verloren. Schon ein Reinigungstuch kann an den Kanten hängen bleiben und Teile abreißen.

Pulvernde oder kreidende Bereiche
Hier kann nicht nur Schmutz, sondern auch Originalmaterial am Tuch oder Wattestäbchen haften bleiben.

Blasen, hohle Stellen oder hochstehendes Furnier
Flüssigkeit und Lösemittel können in Risse eindringen und Schäden an Furnier, Leim oder Grundierung verstärken.

Stark rissige und spröde Überzüge
Feine Altersrisse sind nicht automatisch problematisch. Bewegen sich die Risskanten jedoch oder lösen sich einzelne Teile, muss die Oberfläche vor einer Reinigung gefestigt werden.

Bemalung, Vergoldung oder empfindliche Einlagen
Bemalte und gefasste Oberflächen können wasser- oder lösemittelempfindlich sein. Das Canadian Conservation Institute empfiehlt, weitergehende wässrige oder lösemittelgestützte Reinigungen solcher Oberflächen Fachleuten zu überlassen.

Es empfiehlt sich eine Reinigung transparenter Überzüge ebenfalls nur dann, wenn die Oberfläche weder versprödet noch aufgerissen, aufgewölbt oder abblätternd ist.

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Woran erkennt man alten Wachsauftrag?

Eine dicke Wachsschicht ist nicht immer sofort erkennbar. Typische Hinweise sind:

  • ein stumpfer, leicht schmieriger Glanz,
  • Fingerabdrücke, die sich schnell bilden,
  • graue oder weißliche Ablagerungen in Schnitzereien und Poren,
  • dunkle, klebrige Bereiche an häufig berührten Stellen,
  • Schlieren nach dem Polieren,
  • ein ungleichmäßiger Glanz trotz glatter Oberfläche,
  • Schmutz, der scheinbar in einer weichen Schicht gebunden ist.

Wachs sammelt sich bevorzugt an Profilen, Beschlägen, Schnitzereien und Übergängen. Auf großen Flächen kann es als milchiger oder graubrauner Schleier erscheinen. Bei dunklen Hölzern hinterlassen helle Wachse gelegentlich weiße Punkte in offenen Poren und Vertiefungen.

Allerdings darf nicht übersehen werden, dass Wachs auch die eigentliche historische Endbehandlung sein kann. Wurde blankes Holz ursprünglich gewachst, würde eine flächige Lösemittelreinigung nicht nur eine spätere Pflegeschicht, sondern die historische Oberfläche selbst entfernen. Bei einem reinen Wachsfinish über offenporigem Holz sollte deshalb nicht nach derselben Methode gearbeitet werden wie bei einer Wachsschicht auf einem stabilen Lackfilm. Der National Park Service rät bei traditionell direkt gewachstem Holz von weitergehender Reinigung durch ungeschultes Personal ab.

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Französische Politur
Die Französische Politur ist die Königsdisziplin unter den historischen Oberflächenveredelungen.

Woran erkennt man Schellack?

Schellack gehört zu den sogenannten verdunstenden oder lösemittelfreisetzenden Überzügen. Das Harz wird in Alkohol gelöst; beim Auftrag verdunstet das Lösemittel, während das Harz als Film zurückbleibt. Eine klassische Schellackpolitur besteht aus zahlreichen sehr dünnen Aufträgen, die mit einem Ballen ineinander gearbeitet werden.

Mögliche Hinweise auf Schellack sind:

  • ein warmer, oft bernsteinfarbener Ton,
  • ein sehr dünner, klarer Film,
  • hoher Glanz bei polierten Flächen,
  • fließende Übergänge zwischen aufeinanderfolgenden Schichten,
  • typische Abnutzung an Griffkanten und vorspringenden Teilen,
  • Empfindlichkeit gegenüber Alkohol.

Diese Merkmale sind jedoch nicht beweiskräftig. Auch andere Naturharzlacke können ähnlich aussehen. Darüber hinaus wurden Schellack, Sandarak, Kopal, Mastix, Kolophonium, trocknende Öle, Farbstoffe und Weichharze in historischen Rezepturen miteinander kombiniert.

Unter ultraviolettem Licht kann Schellack eine orangefarbene Fluoreszenz zeigen, während bestimmte Öl-Harz-Lacke unter den Bedingungen einer Laboruntersuchung eher grün fluoreszieren. Alterung, Mischungen, Verschmutzungen und spätere Überzüge können diese Erscheinung jedoch verändern. Eine sichere Bestimmung kann Querschliffe, mikroskopische Untersuchungen, Infrarotspektroskopie oder chromatographische Analysen erfordern.

Für die Werkstatt bedeutet das: Ein einfacher Lösemitteltest liefert einen Hinweis auf die Empfindlichkeit einer Oberfläche, aber noch keine zweifelsfreie Materialbestimmung.

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Warum Alkohol bei der ersten Reinigung nichts verloren hat

Ethanol ist das klassische Lösemittel für Schellack. Auch andere Alkohole können alte Spirituslacke anlösen oder erweichen. Wer eine vermeintliche Wachsschicht mit Spiritus entfernt, riskiert deshalb, gleichzeitig die darunterliegende Politur aufzulösen.

Das kann sich zeigen durch:

  • gelblich-braune Farbe am Tuch,
  • eine klebrig werdende Oberfläche,
  • plötzlich entstehenden Hochglanz,
  • matte oder wolkige Stellen,
  • verschmierte Beize oder Farbstoffe,
  • sichtbare Ballen- oder Wischspuren.

Alkohol ist daher kein neutrales Reinigungsmittel für historische Möbel. Er gehört erst dann in Betracht gezogen, wenn ein gezielter Eingriff in eine nachgewiesene oder sehr wahrscheinlich vorhandene Spirituslackschicht beabsichtigt ist. Selbst dann handelt es sich nicht mehr nur um Reinigung, sondern um eine Veränderung des Überzuges.

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Türfläche nach der vorsichtigen Probebehandlung mit Waschbenzin. Im wechselnden Licht wird sichtbar, dass unter der alten Wachsschicht noch ein zusammenhängender historischer Überzug erhalten ist. Kratzer und Gebrauchsspuren bleiben dabei bewusst sichtbar.

Die Testleiter: vom mildesten zum stärkeren Verfahren

Eine alte Oberfläche sollte nicht mit einem einzigen vermeintlichen „Wundermittel“ behandelt werden. Sinnvoller ist eine abgestufte Testreihe.

1. Untersuchung ohne Feuchtigkeit

Zunächst wird nur beobachtet:

  • im normalen Licht,
  • bei Streiflicht,
  • mit einer Lupe,
  • eventuell unter UV-Licht,
  • an offenen und geschützten Stellen.
  • Dabei wird geprüft, ob Schollen aufstehen, ob sich Risse bewegen und ob überhaupt ein geschlossener Film vorhanden ist.

2. Lose Verschmutzung entfernen

Staub wird mit einem weichen Pinsel gelöst und gleichzeitig mit geringem Abstand abgesaugt. Die Düse darf die Oberfläche nicht berühren. Metallzwingen am Pinsel sollten abgeklebt werden, damit sie keine Kratzer verursachen. Sowohl das Canadian Conservation Institute als auch der National Park Service empfehlen die trockene Entfernung loser Verschmutzungen als ersten Schritt.

3. Test mit einem trockenen weißen Tuch

Mit sehr geringem Druck wird an einer unauffälligen Stelle gewischt. Das Tuch zeigt, ob nur loser grauer Schmutz abgeht oder auch gelblich-braunes Überzugsmaterial.

4. Test mit nahezu trockenem, angefeuchtetem Wattestäbchen

Dieser Test kommt nur bei einer geschlossenen, stabilen Oberfläche infrage. Das Stäbchen wird mit warmem Wasser angefeuchtet und so weit ausgedrückt, dass es beinahe trocken ist. Anschließend wird es vorsichtig über eine kleine Stelle gerollt.

Bleiben gelbe oder braune Rückstände am Stäbchen, wird die Oberfläche klebrig oder entsteht nach dem Trocknen ein weißlicher Schleier, muss der Test abgebrochen werden. Das Canadian Conservation Institute empfiehlt nach einem solchen Test mehrere Minuten abzuwarten, da manche Trübungen erst während des Trocknens sichtbar werden.

Bei beschädigtem Furnier, offenen Rissen und wasserempfindlichen Leimen ist besondere Zurückhaltung geboten.

5. Test mit einem aliphatischen Kohlenwasserstoff-Lösemittel

Zur Entfernung von Wachs und fettigen Ablagerungen eignet sich bei vielen stabilen Naturharzüberzügen ein geruchsarmes Testbenzin beziehungsweise ein vergleichbares aliphatisches Kohlenwasserstoff-Lösemittel. In der englischsprachigen Fachliteratur werden dafür Begriffe wie mineral spirits oder odourless paint thinner verwendet.

Das Lösemittel wird nicht flächig aufgeschüttet. Ein Wattestäbchen wird lediglich angefeuchtet und über eine sehr kleine, unauffällige Stelle gerollt. Zeigt sich nach einigen Sekunden gelblich-braunes Material, wird die Oberfläche weich oder klebrig, ist das Verfahren ungeeignet.

Das Canadian Conservation Institute empfiehlt solche Kohlenwasserstoff-Lösemittel ausdrücklich für die Entfernung von Wachs und fettigem Schmutz auf stabilen Naturharzoberflächen – jedoch immer nach einem Vorversuch. Auch der National Park Service verlangt einen Test, da selbst Mineral Spirits bestimmte Oberflächen erweichen können. 

Jeder Test sollte nicht nur einmal, sondern an mehreren unterschiedlich aussehenden Bereichen vorgenommen werden. Originale und später reparierte Flächen können völlig verschieden reagieren.

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Wachs auf einer stabilen Oberfläche entfernen

Ist durch Vorversuche hinreichend geklärt, dass eine stabile Lackschicht vorhanden ist und das Kohlenwasserstoff-Lösemittel den Überzug nicht angreift, kann die alte Wachsschicht schrittweise abgenommen werden.
Benötigt werden:

  • weiche Pinsel,
  • weiße, fusselfreie Baumwolltücher,
  • Wattestäbchen oder kleine Wattepads,
  • hölzerne Spatel oder zugespitzte Holzstäbchen,
  • ein geeignetes aliphatisches Lösemittel,
  • kleine Glas- oder Metallgefäße,
  • gute Beleuchtung,
  • geeignete persönliche Schutzausrüstung.

Schritt 1: kleine Arbeitsfelder festlegen

Gearbeitet wird in überschaubaren Feldern. Große Flächen gleichzeitig zu benetzen erschwert die Kontrolle und erhöht die Gefahr, angelöstes Wachs lediglich zu verteilen.

Schritt 2: Lösemittel sparsam auftragen

Das Tuch oder Wattestäbchen soll feucht, aber nicht tropfnass sein. Lösemittel darf nicht in Furnierrisse, Fugen, Schlüssellöcher oder offene Holzporen laufen.

Schritt 3: Wachs aufnehmen, nicht verschieben

Mit leichtem Druck wird entlang der Maserung gearbeitet. Wattestäbchen werden möglichst gerollt und häufig gewechselt. Sobald ein Tuch dunkel und schmierig wird, verteilt es mehr Material, als es entfernt.

Schritt 4: Vertiefungen mechanisch unterstützen

Erweichtes Wachs in Schnitzereien und an Beschlägen kann vorsichtig mit einem Holzstäbchen herausgehoben werden. Metallwerkzeuge sind ungeeignet, weil sie Lack und Holz leicht verletzen. Das Canadian Conservation Institute empfiehlt für Wachsanreicherungen an Beschlägen und in Schnitzereien ebenfalls hölzerne Applikationsstäbchen.

Schritt 5: Oberfläche trocknen lassen

Das Lösemittel lässt die Oberfläche während der Arbeit oft satter und dunkler erscheinen. Erst nach vollständiger Verdunstung lässt sich beurteilen, ob tatsächlich eine Verbesserung erreicht wurde. Nach jeder Arbeitsstufe sollte deshalb gewartet und erneut bei Streiflicht kontrolliert werden.

Schritt 6: nicht bis zur völligen Gleichmäßigkeit reinigen

Historische Oberflächen sind selten gleichmäßig. Wird so lange weitergereinigt, bis jede Stelle denselben Glanz besitzt, ist häufig bereits zu viel entfernt worden. Der Maßstab ist nicht kosmetische Perfektion, sondern eine zusammenhängende, verständliche Oberfläche.

Wann muss sofort aufgehört werden?

Die Arbeit wird unterbrochen, wenn:

  • das Tuch gelb, orange oder braun wird, obwohl kein sichtbarer Schmutz mehr vorhanden ist,
  • die Oberfläche klebrig oder weich wird,
  • Glanz und Farbe sprunghaft wechseln,
  • sich Risskanten bewegen,
  • Lackschollen am Tuch hängen bleiben,
  • Beize oder Retusche verschmiert,
  • Furnierkanten feucht oder dunkel werden,
  • nach dem Trocknen weiße Schleier entstehen,
  • ein stark abweichender Untergrund sichtbar wird.

Eine erfolgreiche Probefläche sollte nicht nur sauberer sein. Sie muss nach dem Trocknen weiterhin geschlossen, fest und optisch plausibel wirken.

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Die Oberfläche nach der Wachsentfernung neu beurteilen

Erst nachdem Wachs und fettige Ablagerungen weitgehend entfernt sind, wird sichtbar, wie der eigentliche Überzug erhalten ist.

Die Politur ist vollständig, aber matt

Eine matte Oberfläche ist nicht automatisch geschädigt. Ursache können Mikrokratzer, gealtertes Harz oder ein historisch niedriger Glanzgrad sein. Ein Möbel muss nicht auf Hochglanz gebracht werden, nur weil Schellack vorhanden ist.

Der Überzug ist fein gerissen, haftet aber fest

Ein geschlossenes Netz feiner Altersrisse kann zur historischen Oberfläche gehören. Solange nichts aufsteht oder abblättert, besteht nicht zwingend Handlungsbedarf.

Die Oberfläche ist an Griffstellen abgerieben

Solche Abnutzungen dokumentieren Nutzung. Kleine Fehlstellen müssen nicht flächig überpoliert werden. Oft ist eine lokale Retusche oder lediglich ein Schutz der gefährdeten Kante angemessener.

Die Oberfläche zeigt weiße oder milchige Stellen

Die Trübung kann in einer Wachsschicht, im Lackfilm oder zwischen verschiedenen Schichten liegen. Sie kann durch Feuchtigkeit, Kondensation oder eine frühere ungeeignete Behandlung entstanden sein. Vor jeder Behandlung muss geklärt werden, in welcher Schicht die Trübung sitzt.

Der Überzug löst sich in Schollen

Hier ist nicht Reinigung, sondern Festigung erforderlich. Ein neuer Lackauftrag würde die losen Schichten nicht zuverlässig befestigen und könnte die Situation verschlimmern.
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Schellack kann Holz eine außergewöhnliche Tiefe verleihen. Bei einem alten Möbel beginnt die Arbeit jedoch nicht mit einem neuen Auftrag, sondern mit der Frage, was unter Wachs, Schmutz und späteren Pflegeschichten noch vorhanden ist.

Was bedeutet „Schellack retten“?

Eine Schellackoberfläche zu retten heißt nicht zwangsläufig, neuen Schellack aufzutragen. Je nach Zustand kann die richtige Behandlung sehr unterschiedlich aussehen.

1. Reinigen und unverändert belassen

Bei einer stabilen, nur verschmutzten Oberfläche kann die Entfernung von Staub, Fett und überschüssigem Wachs bereits ausreichen.

2. Lokale Fehlstellen zurückhaltend integrieren

Kleine helle Abriebflächen können farblich zurückgenommen werden, ohne die gesamte Oberfläche zu überziehen. Dabei sollten Reparaturen möglichst begrenzt und nachvollziehbar bleiben.

3. Lose Bereiche festigen

Aufstehende Lackschollen müssen gegebenenfalls wieder an den Untergrund angelegt werden. Die Wahl des Festigungsmittels hängt vom Aufbau, der Löslichkeit und der späteren Behandlung ab. Dies ist kein sinnvoller Bereich für allgemeine Universalrezepte.

4. Eine gealterte Oberfläche reamalgamieren

Schellack und andere verdunstende Harzüberzüge können teilweise durch geeignete Lösemittel erweicht und wieder zusammengeführt werden. Diese sogenannte Reamalgamierung kann Risse schließen und den Zusammenhang eines Films verbessern.

Sie verändert jedoch unweigerlich die Oberfläche: Glanz, Pinselspuren, Gebrauchsspuren und feine Altersstrukturen können geglättet werden. Das Canadian Conservation Institute weist darauf hin, dass dieses Vorgehen inzwischen kontrovers beurteilt wird, weil es die makroskopische Beschaffenheit des originalen Überzuges verändert.

Eine Reamalgamierung ist deshalb keine harmlose „Auffrischung“, sondern ein restauratorischer Eingriff.

5. Eine dünne Ergänzungsschicht aufbringen

Ist eine Schellackoberfläche großflächig abgerieben, kann in bestimmten Fällen eine sehr dünne Ergänzung sinnvoll sein. Sie sollte jedoch erst erwogen werden, wenn:

  • die vorhandene Schicht identifiziert und stabil ist,
  • alle Wachsrückstände entfernt wurden,
  • spätere Silikon- oder Ölpflegemittel ausgeschlossen sind,
  • die optische Wirkung an Probeflächen geprüft wurde,
  • eine flächige Überarbeitung tatsächlich notwendig ist.

Frischer Schellack kann ältere Schellackschichten anlösen und mit ihnen verschmelzen. Das ist technisch mitunter erwünscht, macht den Eingriff aber nur eingeschränkt rückgängig zu machen. Auch darunterliegende Farbstoffe und Retuschen können mobilisiert werden.

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Soll nach der Reinigung wieder gewachst werden?

Nicht jedes alte Möbel muss nach der Reinigung automatisch eine neue Wachsschicht erhalten.
Wachs kann:

  • vor Fingerabdrücken und leichter mechanischer Belastung schützen,
  • den Glanz etwas ausgleichen,
  • die Oberfläche gegenüber kleinen Wasserspritzern kurzfristig abschirmen,
  • eine empfindliche historische Politur vor direkter Berührung schützen.

Es verändert aber auch das Erscheinungsbild. Eine Wachsschicht macht die Oberfläche häufig glatter und glänzender. Der National Park Service empfiehlt deshalb, vor dem Wachsen die Nutzung und den gewünschten historischen Eindruck zu berücksichtigen. Wachs soll nur auf stabile, transparente Überzüge und nicht auf unbehandeltes Holz aufgetragen werden.

Wird gewachst, gilt:

  • so dünn wie möglich auftragen,
  • lieber zwei sehr dünne als eine dicke Schicht,
  • nicht in Schnitzereien und Beschläge einarbeiten,
  • erst nach ausreichender Ablüftzeit polieren,
  • nur silikonfreie Pastenwachse verwenden,
  • erst neu wachsen, wenn die vorhandene Schicht sich nicht mehr auspolieren lässt.

Flüssige Möbelpolituren und Sprays sind problematisch. Viele enthalten Öle, Wachse, Duftstoffe oder Silikone, die klebrige Ablagerungen bilden, Schmutz binden und spätere Restaurierungen erschweren können.

Holz muss im Übrigen nicht „gefüttert“ werden. Öle und Wachse ersetzen keine angemessene Luftfeuchtigkeit und verhindern nicht, dass Holz bei ungünstigem Raumklima quillt, schwindet oder reißt.

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Die häufigsten Fehler

Die Oberfläche vorschnell abschleifen oder abbeizen

Mit dem alten Überzug verschwinden nicht nur Kratzer und Flecken, sondern häufig auch Beize, Porenfüllung, historische Farbtöne und handwerkliche Bearbeitungsspuren. Eine originale Oberfläche kann nach ihrer Entfernung nicht rekonstruiert werden.

Mit Spiritus „prüfen“, ob es Schellack ist

Ein großflächiger Alkoholtest ist bereits eine partielle Entfernung oder Veränderung der Oberfläche.

Mit Stahlwolle reinigen

Stahlwolle wirkt abrasiv, verändert den Glanz und kann Metallpartikel in Holzporen hinterlassen. Besonders auf gerbstoffreichen Hölzern können daraus dunkle Verfärbungen entstehen.

Alte Wachsschichten mit neuem Wachs überdecken

Dadurch wird der Schichtaufbau dicker, klebriger und dunkler. Der eingeschlossene Schmutz bleibt erhalten.

Wasser in Furnierrisse bringen

Wasser kann alte Leimfugen beeinflussen, Furnierkanten anheben und unter beschädigte Überzüge eindringen. Der National Park Service empfiehlt bei furnierten und eingelegten Möbeln äußerst sparsamen Wassereinsatz und kleine Arbeitsbereiche.

Den Reinigungserfolg am nassen Zustand beurteilen

Lösemittel sättigen die Oberfläche vorübergehend. Erst nach dem vollständigen Trocknen zeigt sich der tatsächliche Glanz- und Farbzustand.

Jede Unregelmäßigkeit beseitigen

Eine historische Oberfläche ist kein fabrikneuer Lack. Vollständige Gleichmäßigkeit ist häufig nur durch den Verlust erhaltener Substanz erreichbar.

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Ein konservativer Arbeitsablauf

Für ein altes Möbel mit vermutlich gewachster, transparenter Oberfläche lässt sich der Ablauf auf wenige Grundsätze reduzieren:

  1. Zustand fotografieren und beschreiben.
  2. Oberfläche auf lose, aufstehende oder pulvernde Bereiche prüfen.
  3. Staub trocken mit Pinsel und Absaugung entfernen.
  4. An mehreren Stellen kleine Tests durchführen.
  5. Wachs nur dann mit einem geeigneten Kohlenwasserstoff-Lösemittel lösen, wenn der darunterliegende Überzug stabil bleibt.
  6. In kleinen Feldern arbeiten und gelöstes Material sofort aufnehmen.
  7. Nach jeder Stufe vollständig trocknen lassen.
  8. Erst danach beurteilen, ob der Lack tatsächlich beschädigt ist.
  9. Lokale Maßnahmen einer flächigen Überarbeitung vorziehen.
  10. Neues Wachs oder neuen Schellack nur aufbringen, wenn dafür ein konkreter Grund besteht.

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Schlussbetrachtung

Die Rettung einer alten Schellack- oder Naturharzoberfläche beginnt nicht mit dem Schellackballen, sondern mit Beobachtung und Zurückhaltung. Dicke Wachsschichten und jahrzehntelang aufgetragene Möbelpolituren können eine Oberfläche vollständig verdecken. Ihre vorsichtige Entfernung ist oft erstaunlich wirkungsvoll. Sie kann Glanz, Farbe und Tiefe zurückbringen, ohne dass ein neuer Lackauftrag erforderlich wird.

Gleichzeitig darf nicht jede dunkle oder ungleichmäßige Stelle als Verschmutzung behandelt werden. Abnutzung, Alterung, kleine Reparaturen und ältere Pflegeschichten gehören teilweise zur Biografie des Möbels. Eine gute Restaurierung macht diese Geschichte wieder lesbar. Sie ersetzt sie nicht durch eine makellose neue Oberfläche.
Der wichtigste Arbeitsschritt ist deshalb häufig der Moment, in dem man aufhört.

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Literatur und weiterführende Quellen

Canadian Conservation Institute: Care of Furniture Finishes, CCI Notes 7/2. Grundlegende Hinweise zu Naturharzüberzügen, Reinigungsproben, Wachsentfernung und Schutzbehandlungen. Kanada

Canadian Conservation Institute: Basic Care – Furniture and Objects Made of Wood. Hinweise zu Pflegemitteln, Raumklima, Wachs und dem Erhalt originaler Oberflächen. Kanada

National Park Service: Cleaning Wood Furniture, Conserve O Gram 7/1. Praktische Anleitung zur Untersuchung und Reinigung stabiler historischer Möbeloberflächen.

National Park Service: Waxing Furniture and Wooden Objects, Conserve O Gram 7/2. Zur Schutzwirkung, Anwendung und Entfernung von Pastenwachs.

Moffatt, Elizabeth; Salmon, Amanda; Poulin, Jennifer; Fox, Alastair; Hay, James: Characterization of Varnishes on Nineteenth-Century Canadian Furniture. Journal of the Canadian Association for Conservation, Band 40. Untersuchung historischer Lackschichten mittels Mikroskopie, FTIR und Py-GC-MS.

Rivers, Shayne; Umney, Nick: Conservation of Furniture. Butterworth-Heinemann, 2003. Umfassendes Grundlagenwerk zur Konservierung und Restaurierung von Möbeln und ihren Oberflächen.

HAWK – Hornemann Institut: Analysis of Transparent Coatings on Furniture and Wooden Objects. Überblick über Sichtprüfung, UV-Untersuchung, Löslichkeitstests, Querschliffe und instrumentelle Analyseverfahren. 

 
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